III: Ost-/Mitteleuropa

Giusi Zanasi (Neapel, L’Orientale): Blicke aus östlichen ›Peripherien‹

Behandelt wird hier der Komplex ›Peripherie‹, wobei man die Grenze als Peripherie der Peripherie bezeichnen kann, und von der geopolitischen Perspektive aus hebt sie das symbolische Gewicht  dieser Hierarchisierung des Raums im Rahmen der Fragen nach neuen Raumkonstruktionen und kulturellen Ordnungen in Europa hervor. Der Blick fällt auf die osteuropäische Konstellation, in der  Grenzen und Grenzerfahrungen  eine viel wichtigere Rolle als anderswo gespielt haben und sich als ein Generator von unzähligen Geschichten erwiesen haben. Dabei  wird gerade die literarische Wahrnehmung  und  Darstellung von osteuropäischen Peripherien und Grenzräumen anhand einiger emblematischer Autoren und ihrer Texte in den Blick genommen: Andruchowytsch aus dem Observatorium der Ukraine; Bernig, der seine deutsch-böhmische Herkunft literarisch verarbeitet hat, oder auch Haderlap,  die zur slowenischen Minderheit in Kärnten gehört. K. M. Gauß ist – als Herausgeber der Anthologie Das Buch der Ränder – ebenfalls einzubeziehen. Die Analyse schließt sowohl thematische Aspekte als auch verschiedene Ansätze auf der Ebene der Deutungsmuster und der Ausdrucksformen ein.  Narrative und essayistische Werke wie die genannten – so die These – können dazu beitragen, feste Denkmodelle  und Raumkoordinaten, alte und neue Klischees bzw. Kodierungen in Frage zu stellen, um eine neue  vielfältige  Topographie Europas zu entwerfen.


 

Anne Hultsch (TU Dresden): Die nord­böhmisch-sächsische Grenzregion – ›ein Ort des permanenten Dialogs‹?

Sowohl Sachsen als auch Nordböhmen liegen an der Peripherie, bilden einen äußersten Rand der deutschen bzw. tschechischen Semiosphäre, weshalb als Ausgangsfrage des Beitrags Jurij Lotmans Diktum, der »äußerste Rand der Semiosphäre« sei »ein Ort des permanenten Dialogs« dienen kann. Es wird anhand von Texten tschechischer Gegenwartsautoren gezeigt, wie sich in einem der ältesten Grenzräume Mitteleuropas, der jedoch erst seit ca. 70Jahren auch eine Sprachgrenze darstellt, ganz langsam in den letzten zehn, fünfzehn Jahren ein regionales Bewußtsein entfaltet, das (nicht nur) dieser nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung gemeinhin als kulturlos, ja apokalyptisch geltenden Gegend der Tschechischen Republik neue Impulse verleiht, die sie zum Modellfall mitteleuropäischen kulturellen Selbstverständnisses werden lassen könnten. Die geo-graphische Nähe zu Dresden und die einstige Zugehörigkeit zum gleichen politischen Ostblock-System einerseits und die Entdeckung des deutsch-tschechischen Palimpsestcharakters der nordböhmischen Kultur andererseits lassen neue regionale Orientierungen zu, die sprachliche und nationalstaatliche Grenzen überschreiten. Bestand das Grenzrisiko während des Kommunismus in der Frage nach der Schuld, weshalb der Störfall des Einbruchs der jüngsten Vergangenheit und der Erinnerung an die gemeinsame böhmische Geschichte abzuwehren versucht wurde, besteht das heutige Grenzrisiko darin, diese Region weiterhin als reinen Transitraum oder als nichtexistent zu betrachten.


 

Gabriella Sgambati (Neapel, L’Orientale):  »Innere Kompassnadel immer nach Osten«. Die porösen Grenzen von Ilma Rakusa

Ilma Rakusa, Tochter einer Ungarin und eines Slowenen, wurde 1946 im slowakischen Rimavská Sobota geboren. Bevor sich die Familie 1951 in Zürich niederließ, hießen die Stationen ihrer Kindheit Budapest, Ljubljana und Triest. Sie hat ihr Fremdsein als Lebensart akzeptiert. Die Identitätssuche ist ein Thema sowohl ihrer Biographie als auch ihrer Erzählungen und Kurzromane: Die Zugehörigkeit ist allerdings bei Ilma Rakusa nicht an einen Ort gebunden; einzelne Orte und deren Topographien werden erst durch diskursive Praktiken des Erinnerns und Erzählens zum Raum; vielmehr zeigen sie sich als ein Phänomen des Grenzen-Überschreitens. Die von der Schriftstellerin beschriebenen Grenzen erscheinen »porös«, ambivalent, als Barriere ebenso wie als Übergang und Möglichkeit der Begegnung und auch als besondere Orte der Erkenntnis. Sie sind Orte der Passage, des Transfers. In dieser Hinsicht sind Lotmans Thesen für die Analyse ihres Werks von besonderem Interesse, indem die kulturellen Grenzen in einem Prozess der ›Übersetzung‹ produktiv werden, und Neues entwerfen, das die Grenze an sich durchlässig macht.


 

Antje Graf (TU Dresden): Über Grenzen spazieren. Überlegungen zum Umgang mit der Grenze in Michael Köhlmeiers Die Abenteuer des Joel Spazierers

Folgt!


 

Juliane Horn (TU Dresden): Ein »ganz besonderes Reisegepäck: die innere Haltung eines Doppelemigranten«. Migration als (meta)physische Grenzsituation im Werk Dieter Schlesaks

Dieter Schlesak ist ein Autor der Grenze. Sie ist ein zentrales Motiv in seinen Romanen und in seiner Lyrik. Elementar für die Werkgenese ist dabei nicht nur Schlesaks bikulturelle Sozialisation im rumäniendeutschen Gebiet Siebenbürgen, sondern vor allem seine Übersiedlung nach (West-)Deutschland, die für ihn den Status des ›Doppelemigranten‹ begründet. Der Aufsatz geht der These nach, dass dieser geographische Grenzübertritt als Grenzsituation im Sinne Karls Jaspers gedeutet werden kann und den Autor – ob seiner Heimatlosigkeit – in eine Zwischenposition drängt, die nicht nur zwischen zwei Kulturen und Sprachen angesiedelt ist, sondern auch zwischen Immanenz und Transzendenz. Anhand von Schlesaks Romanen wird zunächst gezeigt, dass Migration als Spiegel von Kultur(en) fungieren und ihr somit eine Reflexionsfunktion in besonderem Maße zukommen kann. Über das lyrische Werk Schlesaks wird im Anschluss daran deutlich gemacht, dass über die Grenzsituation eine metaphysische Grenzerfahrung herbeigesehnt wird. Schlesaks Konzeption einer ›posthumanen Poetik‹, die einen sehr nachdenklichen Grundton anschlägt, zielt auf eine Einkehr ins Transzendente als Hoffnung auf Heimkehr, die in der Immanenz über die Kunst vermittelt wird.