IV: Europäische Innen- und Außen­welten

Valentina Di Rosa (Neapel, L’Orientale): Archäologie des Verschwindens. Landschaft und Erinnerung im Wandel postindustrieller Regionen Ostdeutschlands

Ausgangspunkt dieses Beitrags sind die tiefgreifenden Mutationen der Industrie- und Kulturlandschaft, die sich im Lauf der letzten zwei Jahrzehnte durch die Auflösung der innerdeutschen Grenze bzw. durch die Entstehung einer neuen »deutsch-deutschen Geographie« (Lutz Seiler: 2003) ergeben haben. Im Mittelpunkt der Analyse stehen literarische Fiktionen und Narrative, die sich dem Strukturwandel der Postwendezeit im Sinne der Transformationen und Neuvermessungen ostdeutscher Territorien nach 1989 auseinandersetzen, indem sie sowohl die räumlichen Disparitäten, als auch die Verschiebung und Neuschreibung der sozialen Kraftverhältnisse dokumentieren bzw. ästhetisch erkunden. Quer durch verschiedene Autorengenerationen gilt ein besonderes Augenmerk den literarischen Reflexen der »zerbrochenen Verhältnisse« (Volker Braun: 2000), die durch Prozesse der Abwanderung, Rückbau, Deurbanisierung und Deindustrialisierung bestimmt wurden und die mit zu den Asymmetrien des West-Ost-Transfers mitten im »Grenzland Europas« (Karl Schlögel: 2013) beigetragen haben. Als paradigmatischer Inspirationsstoff wird unter anderem die Thüringer Uranprovinz der Wismut fokussiert und dabei ihre Funktion als Erinnerungslandschaft problematisiert, insofern sie als Kontextualisierung bzw. Re-Lokalisierung der Vergangenheit in die ›flüssig‹ gewordenen osteuropäischen Landschaften der Gegenwart fungiert.


 

Enza Dammiano (Neapel, L’Orientale): »Zwischen dem Nicht-mehr und dem Noch-nicht-dort«. Ingo Schulzes Orte

Als Ort der semiotischen Entfaltung erscheint die Grenze nicht nur als Trennlinie und Mechanismus der Schließung, sondern vor allem als Bereich eines Dazwischen,  als Sphäre der Bedeutungsgebung, die sich dynamisch entwickelt. Der Lotmansche Begriff von ›Grenze‹ und das mit ihm verbundene Konzept von ›Ereignis‹ werden zum Raummodell und Strukturmerkmal des Erzähltexts. Auch im Werk Ingo Schulzes scheint die Korrelation Grenze/Ereignis, eine zentrale Bedeutung einzunehmen: Der narrative Aufbau seiner Texte entfaltet sich durch eine vorwiegend räumliche Dimension, deren Zwischen-Orte durch Mechanismen der Überschreitung, der Auflösung oder der Inklusion zueinander in Beziehung stehen und zum ›Ereignisgenerator‹ werden. Die Grenze aktualisiert sich als Kontaktzone und als Raum der Entstehung von Figuren: In Bewegung zwischen einem ›Außen‹, einem ›Zentrum‹ und einer ›Peripherie‹ entstehen die Figuren de facto aus Erfahrungen der Grenze, die insbesondere Ingo Schulzes Osten definieren. Die Studie zielt darauf ab, Auszüge, sowohl aus den Romanen (unter besonderer Berücksichtigung von 33 Augenblicke des Glücks, Neue Leben, Simple Storys), als auch aus dem essayistischen Werk (Was wollen wir? Essays, Reden, Skizzen), zu untersuchen, um die Topoi, die Schulzes östliche Konstellation herstellen, zu analysieren.


 

Lorenzo Licciardi (Salerno): Urbane Grenzzonen. Digitale Überwachung und Raumabgrenzung in Ulrich Peltzers Roman Teil der Lösung

Im Mittelpunkt dieses Beitrags steht die Frage nach Entstehung und Wirkung der sichtbaren bzw. unsichtbaren Raumabgrenzungen, welche im Kontext der postmodernen Stadtgesellschaften auf die spezifischen Dynamiken der Globalisierung, Medien-Technokratie und Sozialkontrolle zurückzuführen sind. Wie aus den Analysen von Marc Augé (Non-Lieux, 1992), Paul Virilio (Die Auflösung des Stadtbildes, 1984; Information und Apokalypse. Die Strategie der Täuschung, 1999) und Hanno Rauterberg (Wir sind die Stadt! Urbanes Leben in der Digitalmoderne, 2013) hervorgeht, impliziert nämlich die Einführung des Digitalen eine bedeutende Verschiebung besonderer Grenzlinien, durch die wiederum die Öffentlichkeit im städtischen Raum neu geregelt bzw. normiert wird, nicht ohne konkrete Ausgrenzungsrisiken. Als zentrales Dispositiv für die Entstehung neuer Abgrenzungen spielt insbesondere die digitale Überwachung eine wichtige Rolle, die hier am Beispiel von Peltzers Roman Teil der Lösung (2007) analysiert wird. Bereits im ersten Kapitel (Sony Center), das als Auftakt zum Roman eine eigene programmatische Funktion erweist, baut Peltzer eine verdichtete Montage von ›Stadtstücken‹ im emblematischen Mikrokosmos des Potsdamer Platz auf, wobei er mit verschiedenen Erzählstrategien und -diskursen operiert, vor dem Hintergrund der vielschichtigen Berliner Urbanität und mit Seitenblick  auf die Tradition des Großstadtromans.


 

Daniel Rose (TU Dresden): Kontrafaktische Grenzen Europas. Christian Krachts Ich werde hier sein, im Sonnenschein und im Schatten

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